Kunstwerk des Monats: St. Ida in Herzfeld

Aug 27th, 2008 | Kategorie: Allgemeines

St. Ida in Herzfeld – Eine Kirche als Gesamtkunstwerk der „Wiedenbrücker Schule”

Ein Musterbeispiel für die Kirchenbaukunst des Historismus (ca 1850 bis zum 1. Weltkrieg), dem die Wiedenbrücker Schule zugeordnet wird, stellt die St. Ida-Kirche in Herzfeld dar. Geplant von Baumeister Lambert von Fisenne entstand bis 1903 dem Geschmack der Zeit entsprechend ein imposantes Bauwerk im neugotischen Stil. In den letzten Jahrzehnten vorsichtig und geschmackvoll innen und außen restauriert und den neuen liturgischen Anforderungen angepaßt, stellt sie heute mit der vollständig erhaltenen Inneneinrichtung ein Gesamtkunstwerk dar, das durch die Werke der Wiedenbrücker Künstler, vor allem die Altäre, geprägt wird.

Gleich 4 Wiedenbrücker Werkstätten teilten sich den Auftrag für die Ausgestaltung der Kirche: Becker-Brockhinke (Altäre, Kanzel, Chorgestühl usw.), Diedrichs und Knoche (Beichtstühle), Heinrich Hartmann (figürliche Darstellungen und Reliefs in den Altären) und Johann Grewe (Polychromierung und Vergoldung). Von Anton Waller stammen die rückwärtigen Gemälde des Altars. Man kann sich selbst davon überzeugen, wie hervorragend harmonisch die Einrichtung in die gotische Raumsprache des Innenraums eingefügt ist, wie dominant die Altäre den Blick auf sich ziehen und nach oben lenken.


Bild: Zienselmeier, Herzfeld:Altar St. Ida – Gesamtbild
Altardetail, Hochzeit von Kana

So zeigt das Bild vor den leuchtend farbig gestalteten Chorfenstern den neugotischen Flügelaltar mit vier großen farbigen Halbreliefs von der Anbetung der Weisen, der Hochzeit zu Kana, dem Letzten Abendmahl und der Auferstehung. In der Mitte eine Darstellung des „Gnadenthrones” mit der Dreifaltigkeit, ein Bild, das von Wiedenbrücker Künstlern häufig benutzt wurde. Zu beiden Seiten des Tabernakels finden wir die 12 Apostel, weiterhin reiche figürliche und ornamentale Ausstattung.
In der Relieftafel „die Hochzeit zu Kana” fällt die sehr plastische farbige Gestaltung auf, aber auch die Lebendigkeit in der Haltung der Personen und in ihren Gesichtern. Man beachte die fast lustig wirkende Figur des Mundschenks im Vordergrund. Typisch auch die „Architektur” im Hintergrund: ein gotisch gestalteter, reich verzierter Innenraum.
Verbreitung der Wiedenbrücker Schule

So wie hier in Herzfeld sind einige Mitglieder des Wiedenbrücker Heimatvereins den Spuren der Wiedenbrücker Künstler nachgegangen. Inzwischen hat man in einer Datensammlung etwa 1700 Objekte festgehalten. Berücksichtigt man, daß von einigen Werkstätten fast keine Unterlagen vorhanden sind, kann man davon ausgehen, daß letztlich etwa 2000 Altäre, Figuren, Reliefs, Kreuzwege, Kirchenausmalungen und ähnliche Arbeiten von den Wiedenbrücker Werkstätten in etwa 700 bis 1000 Kirchen in ganz Deutschland ausgeführt worden sind. Diese Fülle von Kunstwerken, aber auch ihre Qualität und Schönheit hatten wohl viele der Wiedenbrücker Bürger nicht erwartet.

Die „Wiedenbrücker Schule” war nicht nur ein sehr bedeutender Erwerbszweig in unserer Stadt vor 100 Jahren, sie übte auch einen großen Einfluß aus auf die Kirchenkunst in Deutschland vor dem ersten Weltkrieg und danach.

Text: Martin Pollklas, Stadt Rheda-Wiedenbrück

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