Annalen zu Luise Hensel zusammengestellt von Dr. Rüdiger Krüger

Nov 12th, 2008 | Kategorie: Luise Hensel

1794 Am 6. Juli Geburt von Wilhelm Hensel als Sohn des evangelischen Geistlichen Johann Jakob Ludwig und seiner Frau Louise Johanne in Trebbin.
1796 Umzug der Hensels nach Linum bei Fehrbellin in der Mark Brandenburg, wo dem Vater eine wesentlich besser dotierte Pfarrstelle angeboten wurde.
1798 Am 30. März Geburt der Luise (Aloysia) Maria Hensel, als viertes Kind nach Wilhelm, Ludwig und Karoline. Die Kinder und besonders Luise sind geprägt durch die pietistisch-empfindsame Atmosphäre des Elternhauses. Am 23 April Taufe.

Bildquelle: Dr. Rüdiger Krüger
1802 Am 11. September Geburt der Schwester Wilhelmine (Minna) Hensel, die Später mit Luise gemeinsam Lyrik veröffentlichte, und als Dichterin evangelische Kirchenlieder hervortritt.
1805 Am 14. November Geburt der Fanny Caecilia Mendelssohn in Hamburg als Tochter des Bankiers Abraham Mendelssohn (1776-1835) und seiner Frau Lea, geborene Salomon (1777-1842).
1809 Am 3. Februar Geburt des später berühmten Bruders Felix Mendelssohn ebenfalls in Hamburg.
1810 Nach dem Tod des Vaters (1809) zieht die Familie Hensel nach Berlin. Luise besucht kurzzeitig die Realschule, muss aber bald schon den Unterhalt der Familie durch Handarbeiten mit bestreiten, da die Pension des Vaters nicht im vollem Umfang und nur unregelmäßig ausbezahlt wird – die Pensionskasse ist durch die Franzosen beschlagnahmt.
1811ff Luise Hensel schreibt antinapoleonischen Kriegs- und Freiheitslieder, Naturlieder und erste religiöse Lieder.
1815ff Luise Hensel verkehrt auf Vermittlung ihres mittlerweile als Maler und Porträtist zu einigem Ansehen gelangten Bruder Wilhelm in den Salons im Hause des Verlegers, Kriminalrates und Kriminalschriftstellers Julius Eduard Hitzigs, wo unter anderen E.T.A. Hoffmann, Chamisso und la Motte Fouqué verkehrten, und im Hause des preußischen Staatsrats Friedrich von Staegemann. Hier lernt sie neben anderen die Brüder Gerlach, Ludwig Berger, Friedrich Förster, Graf Gneisenau, Wilhelm Müller, Friedrich von Bülow, Amalie von Helvig und Generalfeldmarschall Gneisenau kennen. Mit der Tochter des Hauses, Hedwig von Staegemanns verband sie eine lebenslange Freundschaft. In Ludwig von Gerlach suchte sie ihren 1808 verstorbenen Bruder Ludwig wieder zu finden, sie war – wohl ohne Wissen von Gerlachs – mehrere Jahre in ihn verliebt; Ludwig Berger, der Komponist und Klavierlehrer Fanny und Felix Mendelssohns, hielt erfolglos um ihre Hand an; Wilhelm Müller, ein enger Freund des Bruders Wilhelm Hensel, warb ebenfalls erfolglos um sie – wobei nicht sicher ist, ob sie von seiner Liebe zu ihr wusste – und setzte ihr im Gedichtzyklus der „Schönen Müllerin” ein durch die spätere Vertonung Schuberts berühmtes Denkmal.
1816 Im September lernt Luise Hensel im Staegemannschen Salon den Romantiker Clemens Brentano kennen, der ebenso heftig wie erfolglos um sie wirbt – er macht ihr schon an Weihnachten einen Heiratsantrag. Gegen den zwanzig Jahre Älteren, bereits zweimal Geschiedenen hat insbesondere Luise Hensels Mutter einiges einzuwenden Die beiden wird jedoch eine lebenslange Freundschaft verbinden. Brentanos Gedichte an Luise Hensel geben ein Zeugnis dieser großen Liebe und engen Künstlerfreundschaft.
„Diese Lieder [von Luise Hensel] haben zuerst die Rinde über meinem Herzen gebrochen, durch sie bin ich in Tränen erflossen, und so sind sie mir in ihrer Wahrheit und Einfalt das Heiligste geworden, was mir im Leben aus menschlichen Quellen zuströmt.”
Clemens Brentano am 3. Dezember1817 an seinen Bruder Christian

Im Dezember stirbt Luise Hensels jüngere Schwester Karoline Rochs wenige Wochen nach der Geburt ihres zweiten Kindes in Stettin. Luise kommt dem Wunsch ihrer Schwester nach, den kleinen Rudolf in ihre Obhut zu nehmen.
1816/17 Luise Hensel schreibt ihr berühmtestes Lied, das Abendgebet „Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Augen zu.” In der Folge entstehen – vor allem bis in die Mitte der 20er Jahre – ihre bis heute bekannten religiösen Lieder.
1817 Luise Hensel ist Erzieherin im Haus von Werthers, des spanischen Gesandten am preußischen Hof.
1818 In Försters „Sängerfahrt” erscheinen erste Lieder Luise Hensel – allerdings noch unter dem Pseudonym Ludwiga.
Luise Hensel tritt am 7. Dezember in der Berliner St. Hedwigs-Kirche bei Probst Taube zum Katholizismus über. Ihre Neigung zum Katholizismus sowie die intensive Verbindung zwischen dem romantischen Autor und der jungen Dichterin werden unter anderem als Ursache für Clemens Brentanos Rückwendung zum Katholizismus gewertet.
„Ich muss in diesem Augenblick denken und fühlen, und es ist mir, als wär’s wahrhaftig so, nämlich als wäre meine Brust ein Badezuber und Deine Füße stünden badend und plätschernd in meinem Herzen, und Du sagst: endlich krieg ich warme Füße.”
Clemens Brentano an Luise Hensel

1819 Luise Hensel geht als Gesellschafterin der Fürstin Salm nach Münster; dort Bekanntschaft mit dem „Gallitzin”-Kreis. Hier lernt sie auch die Familie Diepenbrock kennen; Apollonia von Diepenbrock ist ihre beste Freundin „Appel”, zu deren Bruder Melchior, dem späteren Fürstbischof von Breslau, hält sie lebenslang innige Beziehungen. Regens Overbeck ist ihr erster „Seelenführer”.
1819ff Luise Hensel besucht in den kommenden Jahren mehrfach die stigmatisierte Augustinerinnen-Nonne Katharina Emmerich in Dülmen; dort stetes Zusammentreffen mit Clemens Brentano, der schon seit 1818 – auch auf ihr Anraten – für einige Jahre nach Dülmen zieht und die Visionen der Nonne aufzeichnet und später veröffentlicht.
1919-21 Mit der Familie der Fürstin Salm in Düsseldorf.
1820 Luise Hensel legt vor dem Jesuitenpater Heinrich Wüsten, ihrem zweiten „Seelenführer”, das Gelübde der Ehelosigkeit ab. Ihren größten Wunsch, als Nonne in einem Kloster zu wirken, wird sie jedoch aus einem Bündel von Gründen nie verwirklichen können. V.a. auch die Versorgung ihres Pflegesohns Rudolf Rochs stehen lange diesem Wunsch entgegen.
1821 Luise Hensel geht als Hauslehrerin zur Gräfin Stolberg nach Sondermühlen und Brauna, von dort aus besucht sie die Familie Ludwig Tiecks in Dresden.
1822 Fanny Mendelssohn lernt anlässlich eines Ausstellungsbesuchs mit ihren Eltern in dessen Atelier den Maler Wilhelm Hensel kennen, sie war dem Bruder Luise Hensels im Jahr zuvor erstmals begegnet. Die zarte Liebesbeziehung zwischen Wilhelm Hensel und der noch sehr jungen Fanny Mendelssohn ist nicht ungetrübt, denn Lea Mendelssohn – die Mutter – sieht die Verbindung mit dem zwar begabten, aber (noch) relativ mittellosen Künstler äußerst kritisch.
1823 Luise Hensel zieht bis 1826 nach Wiedenbrück, um ihrem Pflegesohn Rudolf Rochs in den bekannt guten Schulen und vor allem dem dortigen (katholischen) Gymnasium eine gute Bildung zukommen zu lassen. In Wiedenbrück lernt sie Kaplan Bernhard Hensing kennen und schätzen, der ihren Pflegesohn Rudolf Rochs nach ihrem Wegzug bei sich aufnimmt. Hensing wird 1845 Pfarrer im benachbarten Langenberg.
„Mir hat dieß Städtchen, das flache aber freundliche Umgebungen, und was viel wichtiger ist, viel fromme, sittliche Einwohner und sehr gute Priester hat, von denen ich schon einige kannte, recht gut gefallen …”
Luise Hensel an ihren Bruder Wilhelm am 26. April 1823

Am 20. Juli reist Wilhelm Hensel für fünf Jahre – finanziert durch die preußische Akademie der Künste – nach Rom. Er nimmt selbst gemalte Bilder der Familie Mendelssohn und der geliebten Fanny mit.
1825/26 Luise Hensel übernimmt mit zwei Freundinnen die Leitung des Bürgerhospitals in Koblenz.
1826 Sie arbeitet als Lehrerin in Marienberg.
1827 Luise Hensel wird Lehrerin in St. Leonhard in Aachen. Die Jahre in Aachen bedeuten für sie eine Zeit der Ruhe, frei von Geldsorgen, mit einer äußerst zufrieden stellenden Tätigkeit. Mit vielen ihrer Schülerinnen ist sie lebenslang befreundet und viele von ihnen haben sich durch ihren Hang zum klösterlichen Leben angezogen gefühlt und sind in ihre karitativen Fußstapfen getreten: Anna von Lomnessen war lange Zeit Oberin des Kloster zum heiligen Herz in Warendorf, Clara Fey gründete die Schwestern „vom armen Kinde Jesu” in Aachen, Franziska Schevier die „Franziskanerinnen” und Clara Schevier die Schwestern „vom guten Hirten; Pauline von Mallinckrodt wurde Gründerin der Paderborner Blindenschule und der heute weltweit agierenden „Schwestern der christlichen Liebe”.
„Unter den zahlreiche Laien, die im Hause Fey verkehrten, hat Luise Hensel entscheidende Impulse für die später so ausgedehnte Caritasarbeit beigetragen.”
Erwin Gatz: Kirche und Krankenpflege im 19. Jahrhundert.

1828 Im Oktober kehrt Wilhelm Hensel von Rom zurück. Fanny ist verändert, denn sie hat sich in den vergangenen Jahren zu einer 22-jährigen selbstbewussten jungen Dame entwickelt.
„Du bist gut in Sinn und Gemüt. [...] Aber du kannst noch besser werden! Du musst dich mehr zusammennehmen, mehr sammeln, du musst dich ernster und emsiger zu deinem eigentlichen Beruf, zum einzigen Beruf eines Mädchens, zur Hausfrau bilden.”
Abraham Mendelssohn-Bartholdy zum 23. Geburtstag Fannys

1829 Am 3. Oktober heiratet Fanny Mendelssohn Wilhelm Hensel. Zu ihrer eigenen Hochzeit komponiert sie sich zwei Präludien für Orgel.
„Frau Mendelssohn ist eine erstklassige Pianistin. Sie ist keine oberflächliche Musikerin; sie hat die Wissenschaft gründlich studiert, und sie schreibt mit der Freiheit eines Meisters. Ihre Lieder zeichnen sich aus durch Zärtlichkeit, Wärme und Originalität, einige, dich ich hörte waren exquisit.”
John Thompson, In: The Harmonion of March,

1829 Clemens Brentano gibt die von ihm überarbeiteten Gedichte Luise Hensels ohne deren Einwilligung an Melchior von Diepenbrock zur Veröffentlichung in dessen „Geistlichem Blumenstrauß aus spanischen und deutschen Dichtergärten”, hier erscheinen 40 Lieder Luise Hensels..
1830 Am 16. Juni wird der einzige Sohn von Fanny und Wilhelm Hensel, Sebastian Ludwig Felix (+1898), geboren. Die Ehe mit Wilhelm Hensel, der Fanny in ihren künstlerischen Ambitionen bestärkt, ja sie durch Texte für ihr Schaffen und durch Vignetten und Illustrationen zu ihren Kompositionen nach besten Kräften unterstützt, hilft Fanny Hensel, sich von ihrem übermächtigen Bruder künstlerisch zu emanzipieren.
1833-38 Luise Hensel zieht nach Berlin, zunächst zu ihrer Mutter, dann für rund drei Jahre in die Familie ihres Bruders Wilhelm. Sie führt den Haushalt und übernimmt die Erziehung Sebastians, der seine Tante zeitlebens sehr schätzen wird. Gleichzeitig pflegt sie ihre Mutter bis zu deren Tod 1835.
1834 Die im Haushalt entlastete Fanny Hensel widmet sich intensiv der Musik. Komposition vieler Lieder, Klavierstücke, der Ouvertüre C-Dur und des Streichquartetts Es-Dur.
1838-42 Luise Hensel siedelt nach Köln über zu einer Freundin.
Während dieser Zeit Reisen und – z.T. längere – Aufenthalte zur Privat- oder Familienpflege Kranker in München, den Niederlanden, Koblenz, auf Stift Neuburg, in Brauweiler und Frankfurt.
1840/41 Wieder für einige Monate in Berlin beim Bruder Wilhelm Hensel.
1842-49 Luise Hensel ist Erzieherin und „Pflegemutter” der Vollwaisen Bartmann in Köln, wo sie breite karitative Tätigkeiten entfaltet.
1848 Wilhelm Hensel, ehemaliger Jägeroffizier, übernimmt in den 48er-Wirren als Kommandierender das „Berliner Künstler-Corps”. Das Freicorps unterstützt die royalistische Seite. Auch in der folgenden Reaktionszeit bleibt Wilhelm Hensel auf Seiten der preußischen Royalisten politisch aktiv.
1850 Wir finden Luise Hensel für mehrere Monate auf der Rheininsel Nonnenwerth bei Bonn; ihre Klosterpläne auf der Insel lassen sich nicht verwirklichen.
1850-72 Luise Hensel zieht zu Gertrud Schwenger – der Tochter des früheren Bürgermeisters, mit der sie seit ihrem ersten Aufenthalt 1823ff befreundet ist – nach Wiedenbrück. Nach ihren rastlosen Jahren, in welchen sie sich vor allem karitativen Aufgaben der Pflege alter Menschen und der Erziehung mittelloser Mädchen widmete (u.a. in Berlin, Bonn, Köln, Langenberg, Münster, Koblenz, Aachen, Düsseldorf, Dülmen, Bocholt, Aschaffenburg und Regensburg) war Wiedenbrück die Heimstatt ihres Alters, ihr „Refugium”. Von hier aus besuchte sie fast in jedem Frühjahr Pfarrer Hensing für einige Wochen in Langenberg und reiste in Erfüllung karitativer Aufgaben sowie als gern gehörte Beraterin für Aktionen der Wohlfahrtspflege durch das ganze deutsche Reich. Auch in Wiedenbrück entfaltet sie eine breite Karitative Tätigkeit unter anderem mit dem befreundeten Gerichtsrat und Zentrums-Abgeordneten Alfred Hüffer, der mit einer Schwester Pauline von Mallinckrodts verheiratet war. Sie leitet den Paramentenverein und pflegt nachbarschaftliche Bekanntschaften; sie leitet Mädchen in Handarbeiten an und unterrichtet sie wohl auch schulisch; sie näht und restauriert Kirchengewänder und -fahnen; sie pflegt Arme und Bedürftige; sie gründet im 70/71er Krieg gegen Frankreich einen Frauenverein, der u.a. Verbandsmaterial fürs Lazarett herstellt… Ein reichhaltiger Briefwechsel aus dieser Zeit – v.a. mit Christoph Bernhard Schlüter in Münster – gibt beredtes Zeugnis ihrer Gedanken, Sorgen und Lebensumstände dieser Jahre.
1857 „Gedichte von Luise und Wilhelmine Hensel, zum Besten der Elisabeth-Stiftung in Pankow, herausgegeben von H. Kletke, Berlin 1857. Das Bändchen enthält 33 Lieder von Luise Hensel.
1861 Am 26. November stirbt Wilhelm Hensel, fast 15 Jahre nach seiner geliebten Fanny. Luise Hensel besucht ihren Neffen Sebastian Hensel in Großbarthen bei Königsberg, um den Nachlass von dessen Vater Wilhelm, die zahllosen Arbeiten des Malers und Porträtisten, zu ordnen. Sie ist bis 1868 jährlich in Berlin und auf Gut Großbarthen.
„Schön wie er gelebt, so starb er. Eine menschenfreundliche Handlung wurde die unmittelbare Ursache seines Todes. Ein Kind aufraffend, das in Gefahr war, von einem Omnibus überfahren zu werden, verletzte er sich selbst am Knie; von da ab lag er danieder.”
Theodor Fontane, In: Wanderungen

1869 Erstausgabe ihrer Lieder unter dem Titel: „Lieder von Luise M. Hensel, herausgegeben von Prof. Dr. C. Schlüter, Paderborn [Schöningh] 1869″. Mit dem blinden Christoph Schlüter verbindet Luise Hensel eine langjährige Freundschaft seit den 30ern, die einen interessanten Briefwechsel hervorgebracht hat.
1872 Luise Hensel wohnt nach dem Tod ihrer Hauswirtin in Wiedenbrück kurzzeitig bei den barmherzigen Schwestern in Ahlen
1874 Ihre frühere Schülerin Pauline von Mallinckroth, die in ihr Leben ganz dem Caritas-Gedanken unterworfen hat, nimmt Luise Hensel in den Paderborner Westfalenhof – Kloster der Töchter der christlichen Liebe – auf. Dort stürzt sie am 15. September 1874 unglücklich und zieht sich einen Hüftgelenkbruch zu, sie verliert ihre Gehfähigkeit fast vollständig.
1876 Am 18. Dezember stirbt Luise Hensel in Paderborn, wo sie am 20. Dezember auf dem Ostfriedhof beerdigt wird.
1892 Hoch betagt stirbt die Lieblingsschwester Wilhelmine (Minna) Hensel – sie war im Alter Vorsteherin des evangelischen Elisabethstifts in Rankow.
Zusammengestellt aus zeitgenössischen und modernen Quellen
© Dr. Rüdiger Krüger

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